71. Sprache, Heimat, Identität – Wieviel Integration ist notwendig?

71. Sprache, Heimat, Identität - Wieviel Integration ist notwendig?

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Hallo, hier ist Daniela und ich begrüße dich zu einer neuen Folge des German with Stories Podcast. In der letzten Folge ging es um die Lese-Challenge zu meinem Buch „Karina hat eine Mission“. Sie wird noch einige Wochen laufen, aber die nächste Challenge ist schon in Planung. Ich werde sie mit meiner neuen Short-Story-Sammlung „Die Hexe von Bamberg“ machen. Das sind Geschichten für B2-Lerner. Das Buch wird Mitte bis Ende Oktober erhältlich sein und die Lese-Challenge wird ein bisschen anders ablaufen als die ersten beiden. Dazu erzähle ich in einer späteren Podcast-Folge mehr. Heute haben wir ein anderes Thema. Es geht um Immigration, Auswanderung, und um Integration.

Wenn Menschen in ein anderes Land ziehen, stehen sie oft vor der Frage: totale Integration oder das Bewahren ihrer Traditionen? Totale Integration bedeutet, dass spätestens die Enkelkinder die Sprache der Eltern oder Großeltern nicht mehr sprechen. Das ist in vielen deutschen Familien passiert, die in die USA ausgewandert sind. In meinem Buch „Johns deutsche Familie“ war das auch ein bisschen Thema. John hat deutsche Vorfahren, aber er musste Deutsch als Fremdsprache lernen. Als Lehrerin hatte ich auch mehrere amerikanische Schüler, deren Großeltern oder Urgroßeltern aus Deutschland kamen und die deshalb die Sprache lernen wollten. Oft hatten sie entfernte Verwandte in Deutschland gefunden, wollten sie besuchen und mit ihnen Deutsch sprechen. So wie John in meinem Buch.

Bei Kindern oder Enkelkindern von Lateinamerikanern, die in die USA emigriert sind, ist es oft ähnlich: Sie sprechen kein Spanisch mehr. Vor allem, wenn nur ein Elternteil spanischsprachig ist. Neben dem German with Stories-Projekt arbeite ich ja auch für einen Immigrationsanwalt in Peru und wir haben oft Klienten aus den USA mit so einer Familiengeschichte. Sie haben das Recht auf die peruanische Staatsangehörigkeit, Nationalität, aber sie sprechen kein oder kaum Spanisch und wir müssen auf Englisch mit ihnen kommunizieren. Bei dem Anwalt ist es ähnlich. Seine Großeltern sind von Italien nach Argentinien ausgewandert. Beide waren Italiener. Trotzdem hat die Tochter zwar Italienisch verstanden, aber nur Spanisch gesprochen. Und für ihren Sohn, also den Anwalt, ist Italienisch eine Fremdsprache. Er versteht recht viel, aber das liegt daran, dass Italienisch und Spanisch sehr viel gemeinsam haben.

Auf der anderen Seite gibt es Gemeinschaften, die ihre Sprache und Kultur über Generationen hinweg bewahren. Jüdische Gruppen, die weiterhin Jiddisch sprechen. Deutsche in Paraguay, die noch heute ihre Traditionen pflegen. Oder auch ukrainische Gruppen in Brasilien, die ihre eigene Kultur lebendig halten. Ein Bekannter von mir lebt seit einigen Jahren in Paraguay und organsiert dort Treffen für Deutschsprachige, also Einwanderer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er reist genauso viel durch Südamerika wie ich und sucht immer etwas Deutsches. In Chile, in Brasilien, in Bolivien, in Peru. Ich weiß gar nicht, wie er das macht. Er dokumentiert alles auf YouTube und ich finde das interessant, aber ich mache das Gegenteil.

Mein privates Umfeld ist international und vor allem spanisch- und englischsprachig. Wenn ich einen Deutschen treffe, ist das okay, aber ich suche nicht. Ich hatte mal eine deutsche Freundin in Lima, aber sie ist nach Spanien gezogen und wir haben jetzt keinen Kontakt mehr.

Wieviel Integration ist denn nun notwendig oder sinnvoll? Ich denke, totale Integration gibt es heute nur noch, wenn kleine Gruppen in ein Land einwandern. Keine oder minimale Integration führt zu Problemen, das sehen wir momentan in Deutschland.

Meine Kinder sind auf eine internationale Schule gegangen. Das war keine Privatschule, sondern eine UNESCO-Projektschule in Heidelberg. Viele Kindern hatten Elternteile aus zwei verschiedenen Ländern. So wie meine Kinder, ich Deutsche, der Papa Brasilianer. Heidelberg hat eine bekannte Universität und manchmal kamen Kinder, die kein Wort Deutsch sprachen. Ihre Eltern arbeiteten meist in der Forschung und waren temporär oder permanent nach Heidelberg gezogen. Jedes dieser Kinder bekam extra Deutschunterricht und hatte einen Paten in der Klasse. Meine Tochter war zum Beispiel einmal Patin für eine Brasilianerin, weil meine Tochter Portugiesisch spricht und der neuen Mitschülerin alles erklären und ihr helfen konnte, sich zu integrieren.

Heute gibt es Schulen, wo deutsche Kinder die Minderheit sind. Oder sagen wir einfach: Kinder, die perfekt Deutsch sprechen. Viele Kinder kommen in den Kindergarten oder in die Schule und sprechen kein Wort Deutsch. Als ich vor 25 Jahren mit meinen Kindern von Brasilien nach Deutschland zurückgegangen bin, haben meine Kinder mit allen Leuten Portugiesisch gesprochen. Sie haben Deutsch verstanden, weil ich nur Deutsch mit ihnen gesprochen habe, aber es war normal für sie, dass ich ihr Portugiesisch verstehe. Nach etwa sechs Wochen haben sie dann angefangen, im Kindergarten auf Deutsch zu antworten. Ich weiß, dass das für die Erzieherinnen nicht einfach war und stelle es mir sehr schwer vor, heute in einem deutschen Kindergarten oder einer deutschen Grundschule zu arbeiten. Natürlich gibt es immer mehr Erzieher und Lehrer, die zweisprachig sind und das hilft wahrscheinlich.

Trotzdem ist Sprache sehr wichtig für eine gute Integration. Es ist auch wichtig, die Kultur und die Traditionen seines Gastlandes zu respektieren. Man kann trotzdem eigene Traditionen und Gewohnheiten bewahren. Auch ich habe einige sehr deutsche Eigenschaften. Das Nervigste für die Latinos ist wahrscheinlich, dass ich sehr direkt bin und sehr klar „nein“ sage, wenn ich etwas nicht möchte. Ich hatte schon oft Situationen, wo meine Antwort ein kurzes „nein“ war und der Gesprächspartner wusste nicht, wie er reagieren sollte, weil das in Südamerika nicht normal ist. Ich weiß das, aber meine deutsche Mentalität ist da stärker. Wenn ich etwas nicht will, sage ich „nein“ und nicht „vielleicht“ oder „mal sehen“.

Große Gruppen von Migranten mit dem gleichen kulturellen Background verändern ein Land. Argentinien und Südbrasilien haben einen sehr italienischen oder zumindest europäischen Touch. Ich glaube, ich hatte schon einmal erwähnt, dass in Buenos Aires niemand denkt, dass ich Ausländerin bin, solange ich nichts sage. Jetzt war ich gerade drei Wochen in Bolivien, in den Anden, im Altiplano, und jeder hat sofort gesehen, dass ich Ausländerin bin. Dort sind bis zu 75% der Menschen indigen und blaue Augen existieren nicht. Komplett anders als in Argentinien.

Interessanterweise haben viele lateinamerikanische Länder relativ große Communities von syrischen und libanesischen Einwanderern. Sie kamen allerdings schon zwischen 1880 und 1930. Damals existierte noch das Osmanische Reich, deshalb sind es alles „turcos“, also „Türken“. In fast jeder argentinischen Stadt gibt es eine Syrien-Straße. Außerdem waren viele dieser Immigranten Christen, was die Integration erleichterte. Der ehemalige argentinische Präsident Carlos Menem hatte syrische Eltern und der aktuelle Präsident von El Salvador, Nayib Bukele, hat einen palästinensisch-libanesischen Background.

ChatGPT sagt mir, dass ein Viertel aller US-Präsidenten irgendeinen deutschen Vorfahren hatte. Donald Trumps Großvater kam aus der Pfalz, Südwestdeutschland. Auch die Vorfahren von Präsident Eisenhower kamen aus Süddeutschland.

So, ich glaube, ich bin nicht immer ganz beim Thema geblieben, aber ich hoffe, diese Podcast-Folge hat dir trotzdem Spaß gemacht.

Ein Transkript findest du wie immer auf meiner Website germanwithstories.com.  Zahlende Mitglieder des German with Stories Club auf patreon.com/germanwithstories können es als PDF mit Worksheet und Vokabelliste downloaden. Links findest du in der Beschreibung dieser Folge. Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß beim Deutschlernen und verabschiede mich für heute.

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